„Begeistern statt entgeistern“
Prof. Dr. Gerald Hüther, Gehirnforscher, Universität Göttingen, im Gespräch

Frage: Einer allgemeinen Vorstellung zufolge gehen unseren Handlungen Gedanken voran, innere Bilder, Vorstellungen, die einen Menschen im Laufe der Zeit prägen. Wie entstehen solche Vorstellungen aus der Sicht des Gehirnforschers?
Hüther: Damit man überhaupt irgendeine Handlung ausführen kann, muß man sie in seinem Inneren vorbereiten. Wir müssen Netzwerke aktivieren, die für diese Handlungen gebraucht werden. Wenn man handeln will, muß man ein Muster im Hirn aufbauen. Ich kann also nicht einfach den Daumen bewegen, ohne daß ich vorher in meinem Hirn das Areal, die Netzwerke aktiviere, die dafür nötig sind, daß er sich bewegt. Insofern können wir gar nichts nur denken, sondern es muß auch immer verbunden sein mit einer Handlung. Und häufig ist das Denken auch noch mit einem Gefühl verbunden. Sobald wir in den Bereich der wirklichen Vorstellungen kommen, bemerken wir, daß an den Vorstellungen, die man von sich selbst oder von irgendetwas hat, oder davon, wie andere sein sollten, auch unglaublich viel Emotionalität dranhängt. Diese Emotionen bestimmen dann auch, wie man mit dem anderen umgeht.

Frage: Meinen Sie also, daß es eine reine Gedankentätigkeit ohne Gefühl gar nicht gibt?
Hüther: Da bin ich mir ziemlich sicher, daß es das in Wirklichkeit gar nicht gibt. Man kann es aber lernen. Wir haben in unserem Kulturkreis so eine Vorstellung, daß man denken kann ohne zu fühlen oder daß man irgend etwas wahrnehmen kann in der Welt, ohne daß das eine Empfindung auslöst. Das ist hirntechnisch gar nicht richtig gut möglich, es sei denn, man trainiert es. Und wir können alles trainieren. Wir können uns allen möglichen Unsinn aneignen, und eine dieser besonderen Kulturleistungen, die wir uns offenbar immer wieder gegenseitig beibringen und auch unseren Kindern, ist die Abtrennung des Denkens vom Fühlen. Praktisch geht das gar nicht. Wir würden in dem Strom der Sinneswahrnehmungen ertrinken, allein schon durch das, was wir hier alles in diesem Raum wahrnehmen können, wenn wir nicht in der Lage wären, einzelnen Wahrnehmungen eine Bedeutung zu geben. Und bedeutsam wird für uns immer dann etwas, wenn es affektiv aufgeladen wird, das heißt, wenn sich irgendetwas mit einem Gefühl verbindet. Und dann wird auf einmal das, was ich dort sehe, wichtiger als jenes – weil ich damit etwas verbinde, was auch an Gefühle gekoppelt ist.

Frage: Das führt natürlich zu der Frage, warum es möglich ist, etwas mit besonderen Gefühlen verbinden und anderes nicht. Hier liegt doch eine Willensentscheidung vor. Aber in der Gehrinforschung wird heute ja heftig darüber diskutiert, ob der Mensch überhaupt einen freien Willen hat, weil Experimente darauf hinweisen, daß das Gehirn sozusagen für uns entscheidet. Ist diese Diskussion um den freien Willen aus Ihrer Sicht gerechtfertigt? Oder ist das eine Diskussion, die sich auf einer rein theoretischen Ebene fern vom Leben bewegt?
Hüther: Also eines kann man definitiv sagen bei der Diskussion um den freien Willen: Sie ist hochemotionell aufgeladen. Da verbindet sich eine ganze Weltauffassung, ein Menschenbild mit dieser Vorstellung, ob der Mensch nun einen freien Willen hat oder nicht. Biologisch ist es ganz einfach: Wenn Menschen in Not sind, wenn sie nicht genug zu essen haben, leiden, wenn es ihnen nicht gut geht, wenn sie traumatisiert sind, dann müssen sie erst einmal versuchen, aus dieser Not herauszukommen, und man kann nicht davon ausgehen, daß sie all das, was sonst noch möglich wäre, auch noch wollen können.

Frage: In einer solchen Situationen gehen die Willensentscheidungen also automatisch einfach in Richtung Überleben und es gibt keinen Raum für andere Entschlüsse. Aber wie ordnen Sie die vielzitierten Experimente zur Willensfreiheit insgesamt ein?
Hüther: Die Hirnforscher haben eine besondere Beobachtung gemacht, nämlich daß es im Hirn ungefähr 300 Millisekunden bevor man eine Handlung ausführt, bereits zu einem Aktivierungsprozeß kommt. Aber das ist relativ banal: Sie brauchen immer erst einmal einen Aktivierungsprozeß, bevor sie eine Handlung ausführen. Das wird nicht sofort offensichtlich in solchen Experimenten, wo man nur einen Knopf drücken muß und dabei angibt, wann man den Entschluß dafür gefaßt hat. Aber stellen Sie sich mal vor, ich würde Sie bitten, daß Sie einen Handstand machen oder ein Rad schlagen. Dann können Sie sich nicht hinstellen und die Frage beantworten, wann Sie den Entschluß fassen. Sie können das Rad nicht schon schlagen, bevor Sie innerlich ganz sicher sind, daß Sie das Bewegungsmuster auch hinkriegen, Sie brechen sich ja den Hals! Man kann also nicht verlangen, daß ein Mensch eine Handlung ausführt, ohne daß er vorher das Muster in seinem Gehirn aufgebaut hat, das er braucht, um die Handlung auszuführen. Das wäre ja gerade so, als wollte man von einem Menschen verlangen, daß er etwas wollen soll, was er gar nicht kann. So etwas geht nicht.

Frage: Deshalb ist die Versuchsanordnung wohl ziemlich lebensfremd. Aber man hat als Beobachter doch auch den Eindruck, daß in der Diskussion um den freien Willen im Hintergrund das Thema Verantwortung steht. Sind wir für das, was wir denken und tun, verantwortlich oder nicht? Und wollen wir verantwortlich sein? Es ist ja recht bequem, für nichts wirklich verantwortlich zu sein …
Hüther: Wir müssen von dem alten Prinzip, Verantwortung abgeben zu wollen, abkehren, darum geht es eigentlich. Ob man die Verantwortung früher an die Götter abgegeben hat oder jetzt an die genetischen Anlagen, ist ja gleichgültig. Was jetzt ansteht, ist Selbstverantwortung. Wir selbst sind das erste Mal in der Menschheitsgeschichte aufgerufen, die Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Wunderbar! Aber furchtbar kompliziert! Verantwortung zu übernehmen – für sich, dann womöglich noch für die eigenen Kinder und für die älteren Menschen, überall soll man Verantwortung übernehmen! Warum brach die Diskussion um den freien Willen in Deutschland auf? Weil wir am wenigsten bereit wären, Verantwortung für unser eigenes Handeln zu übernehmen. In Amerika ist das kein Problem, da gab es diese Diskussionen auch nie. Die Amerikaner sind sich klar, daß sie die Verantwortung selber tragen, wenn Sie auf die Nase fallen. Aber wir haben gerne keinen freien Willen, damit wir bloß nicht die Verantwortung haben. Das hat aber mit Wissenschaft nichts zu tun.

Frage: Sie haben vorhin den Begriff Menschenbild erwähnt. Was ist ihr persönliches Menschenbild? Gemeinhin hat man lange unterschieden zwischen dem physischen Körper und einer nichtphysischen Seele. Heute verorten viele Forscher die Seele im Gehirn und sagen, Seele ist gleich Gehirntätigkeit. Was ist Ihr Menschenbild?
Hüther: Es ist schwer, diese alten, gewachsenen, ewig diskutierten Vorstellungen „Was ist der Geist? Was ist die Seele? Und was ist das Gehirn?“ so auseinanderzuteilen, wie man das eigentlich machen müßte. Etwas, das mir sehr, sehr wichtig ist: Ich verstehe den Menschen als ein Wesen, das auf der Suche ist. Und seine Suche ist, wie bei allen Lebewesen, von den bisherigen Erfahrungen geprägt. Im Laufe seines Lebens macht jedes Lebewesen Erfahrungen, diese Erfahrungen werden dann in innere Strukturen verwandelt. Das ist, nebenbei gesagt, genau so, wie wenn man in einem Staat eine Verwaltungseinheit aufbaut. Erst einmal wird das Verwaltungssystem aufgebaut, es gewinnt eine eigene Struktur, und die bestimmt dann, wie es im Staat weitergeht. Und so werden im menschlichen Gehirn Erfahrungen in Netzwerkstrukturen verwandelt, und die bestimmen dann, wie man handelt. Das heißt, das menschliche Hirn verwandelt gewissermaßen Immaterielles, nämlich Erfahrungen, in Strukturen, Netzwerkstrukturen. Und dann werden diese Netzwerkstrukturen wieder benutzt und aktiviert, um etwas Immaterielles, nämlich Gedanken, Worte, Ideen hervorzubringen, so daß wir wahrscheinlich mit der alten Trennung – dies ist körperlich, und das ist geistig – sowieso nicht weiterkommen. Die Physiker haben uns das schon längst gelehrt, und wahrscheinlich kommen wir auch mit dem alten, aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Ursache-Wirkungs-Denken nicht mehr weiter. Wir sind keine Maschinen. Wir sind Wesen, die sich selbst organisieren. Der wunderbare neue Begriff der Selbstorganisation ist zwar schon sehr alt, aber man versteht ihn erst jetzt zunehmend, denn in diesem Selbstorganisationsprozeß steckt etwas, das mit der Seele zu tun haben könnte, wie wir sie in der Vergangenheit beschrieben haben, nämlich die Intentionalität. Es kann sich ja nur etwas selbst organisieren, wenn es irgendwas will. Selbst ein Hefekloß, der hier liegt und den ich mit ein bißchen Butter, Wasser, Milch und Mehl anrühre, damit er aufgeht, würde, wenn ich ihn fragen könnte „Was willst du?“, antworten: „Ich will wachsen, ich will es weiter warm haben.“ Alles, was lebt, ist intentional unterwegs. Das ist das, was ich meine, wenn ich sage, der Mensch ist ein Suchender. Seine Intention ist, nach Formen des Zusammenlebens zu suchen, die sich mit den Erfahrungen decken, die er vorher schon gemacht hat. Am Anfang seines Lebens sind das zwei ganz einfache Erfahrungen. Die eine heißt Verbundenheit – schon vor der Geburt waren wir mit der Mutter so eng verbunden, wie man sich das gar nicht mehr vorstellen kann – und die zweite Grunderfahrung aller Menschen heißt Wachstum, eigene Weiterentwicklung und auch Kompetenzerwerb, heißt immer autonomer werden und auch immer freier. Deshalb suchen Menschen nach etwas, was sehr schwer zu finden ist, nämlich nach einem Zustand, nach einer Art von Beziehung, in der sie gleichzeitig verbunden sind und frei.

Frage: Sie haben in einem Interview einmal sinngemäß gesagt, unser Gehirn wird so, wie wir es benutzen. Gleichzeitig aber stehen Sie den Möglichkeiten, das Gehirn in einer bestimmten Art zu trainieren, wie man einen Muskel trainiert, sehr skeptisch gegenüber und weisen eher auf die Bedeutung von Begeisterung hin, auf die Notwendigkeit, sich als Mensch für etwas einzusetzen. Warum ist dieser Impuls der Begeisterung so wichtig?
Hüther: Wir haben im vorigen Jahrhundert ja geglaubt, das menschliche Hirn würde sich gar nicht ändern, es wäre durch genetische Programme zusammengebaut, also fast wie in einer Autofabrik: Man hat Einzelteile, Nervenzellen, man hat einen Bauplan, ein genetisches Programm – und dann kriegt man ein fertiges Auto oder ein fertiges Hirn. Damit fährt man eine Zeitlang rum, bis es sich abnützt. Zuletzt kommt das Auto auf den Schrottplatz und der Mensch ins Altersheim. Das war ein sehr lineares Denken, das für das Leben so nicht funktionieren kann, und tatsächlich haben die Hirnforscher Ende des vergangenen Jahrhunderts mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren viele Befunde zu Tage gefördert, die gezeigt haben: Nein, das menschliche Gehirn ändert sich – bis ins hohe Alter. Wenn der Mensch was anderes macht, bilden sich neue Netzwerke. Sie können jonglieren lernen oder ein Musikinstrument spielen – und ein halbes Jahr später kann man zeigen, daß da neue Schaltungen im Hirn entstanden sind. Allerdings hat man dann im Wahn der damaligen Zeit – dem einer Leistungsgesellschaft – geglaubt, das Hirn sei ein Muskel. Man muß es nur viel benutzen, damit es schön dick wird. Also hat man Hirntrainings verordnet. Alle Menschen haben sich eingebildet, sie müssen sich nur richtig anstrengen, dann wird aus ihrem Gehirn auch noch mal etwas anderes werden. Und das war wieder falsch. So funktioniert das Hirn auch nicht, es ist keine Maschine, es ist auch kein Muskel, man kann es nicht allein auf Leistung trainieren, sondern das Hirn ist ein besonderes Organ, das aufpaßt, daß es mir gut geht. Deshalb hat es eine Art Sensor für Wichtigkeit. Eine Sache muß wirklich wichtig sein, und zwar nicht für die anderen, sondern für mich, dann ändert sich das Gehirn. Etwas wirklich Wichtiges erkennen wir daran, daß es uns unter die Haut geht, daß es uns begeistert, daß es uns interessiert, daß es uns etwas angeht. Und immer, wenn das passiert, werden im Hirn bestimmte Zellgruppen aktiviert, im Mittelhirn, also tief unten, die haben wunderbare, lange Fortsätze – und immer, wenn die aktiviert werden, weil uns etwas unter die Haut geht, werden an den Enden dieser langen Fortsätze sogenannte neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet. Die wirken tatsächlich wie Dünger auf das Netzwerk dahinter, das man im Zustand der Begeisterung so intensiv genutzt hat, zum Beispiel, um Probleme zu lösen, ein Tennisspiel zu gewinnen oder irgendetwas Schönes, Gestalterisches zustande zu bringen. Deshalb wird man bei dem, was man mit Begeisterung tut, so schnell so viel besser. Deshalb kann man sich das, was einem unter die Haut geht, auch so gut merken. Und deshalb ist es so wichtig, daß auch in unserem Schulsystem und in den Bildungseinrichtungen endlich diese Botschaft ankommt, daß es nichts nützt, wenn man sich anstrengt, daß man sich noch so sehr anstrengen kann mit den Hausaufgaben und mit dem Auswendiglernen – das geht hier rein und es kommt dort wieder raus –, wenn es nicht wirklich unter die Haut geht, wenn es nicht gedüngt wird. Wir müßten eigentlich eine Kultur entwickeln, in der wir uns nicht gegenseitig dauernd entgeistern, sondern wir müßten versuchen, uns ein bißchen gegenseitig zu begeistern, müßten uns einladen und inspirieren, uns noch einmal auf etwas Neues, vor allen Dingen auf etwas, was uns unter die Haut geht, einzulassen.

Frage: Meinen Sie, ist Begeisterungsfähigkeit erlernbar, indem ich mich bewußt mit Dingen beschäftige? Oder ist die Begeisterungsfähigkeit von vornherein im Menschen angelegt?
Hüther: Das Interessante ist ja, daß sich Kinder offenbar schon mit einer unendlichen Begeisterungsfähigkeit auf den Weg machen. Kleine Kinder haben am Tag fünfzig- bis hundertmal einen Begeisterungsschub in ihrem Hirn, da wird fünfzig bis hundertmal diese Düngergießkanne mit den neuroplastischen Botenstoffen angestellt, deshalb lernen sie auch so viel. So, und nun schicken wir sie in die Schule, und dann müssen sie zum Studium, und dann geht der Mensch zur Arbeit. Sie ahnen schon, was passiert … Man muß eher etwas dafür tun, daß die Begeisterungsfähigkeit nicht verschwindet. Das wäre gut, wenn sie nicht so schnell verschwinden würde! Aber natürlich kann man sie bis ins hohe Alter wiederentdecken. Aber neu produzieren braucht man sie nicht. Jeder Mensch kommt mit einem riesigen Rucksack voller Begeisterung auf die Welt, aber bedauerlicherweise wird ihm der oft leergeräumt.

Frage: Sie sind allgemein bekannt dafür, daß Sie Erkenntnisse aus der Gehirnforschung praktisch nutzbar machen wollen. Wie sind Sie denn auf diesen Weg gekommen? Hat es für Sie bei Ihrer Forschungsarbeit wichtige Aha-Erlebnisse gegeben?
Hüther: Ehrlich gesagt, habe ich nie geglaubt, daß man überhaupt Wissenschaft betreiben könnte nur zum Selbstzweck. Es ist mir bis heute eine ganz absurde und gruselige Vorstellung, daß es Menschen gibt, die einfach Wissenschaft betreiben um der Wissenschaft wegen. Das ist ähnlich wie Künstler um der Kunst willen Kunst machen. Ich glaube, daß wir soziale Wesen sind und auch das ganze Leben lang soziale Wesen bleiben, wenn wir nicht Pech haben und aus unseren sozialen Gemeinschaften hinausgejagt werden. Es mag Künstler gegeben haben, die ganz einsam geworden sind, weil sie keiner mehr mochte und weil sie nirgendwo mehr richtig zugehören durften, und es mag auch Wissenschaftler in der Vergangenheit gegeben haben, die sich in die Wissenschaft geflüchtet haben, weil sie mit den Menschen nichts mehr zu tun haben wollten. Wir sind aber in einem viel stärkeren Maße, als wir uns das zuzugestehen bereit sind, sozial organisierte Wesen. Es gibt uns eigentlich in Einzahl gar nicht. Kein Mensch könnte, wenn er wirklich alleine aufwachsen würde, irgendetwas. Er könnte nicht nur nicht sprechen – wir brauchen da gar nicht über Lesen und Schreiben oder über die Nutzung moderner Medien reden –, der Mensch hätte auch keine Mimik und Gestik, mit der er sich verbal und nonverbal verständigen könnte. Noch nicht einmal auf zwei Beinen würden wir alleine lernen laufen, wenn nicht irgendjemand da wäre, der uns zeigte, wie das geht, wenn wir nicht unseren Eltern nacheifern würden oder Größeren, die schon auf zwei Beinen gehen können. Also haben wir uns möglicherweise mit unserer sehr individualistischen Vorstellung aus dem vorigen Jahrhundert doch ziemlich geirrt, und in Wirklichkeit gibt es uns als Einzelwesen gar nicht – was nicht heißen soll, daß nicht jeder von uns ein einzigartiges soziales Wesen ist. Das ist das Besondere am Menschen. Wir bilden keine Ameisestaaten, wo alle gleich sind, sondern wir haben über die gesamte Evolution hinweg etwas entwickelt, was uns wahrscheinlich auch die Möglichkeit geschaffen hat, die wunderbaren Kapazitäten in unserem Gehirn auszubilden. Das nennt man individualisierte Gemeinschaft. Individualisierte Gemeinschaft ist etwas anderes als die Herde, wo alle hinter einem Büffel herrennen, und es ist auch etwas anderes als ein Ameisenstaat oder ein Bienenstaat, wo über Botenstoffe alle so aneinandergekettet werden, daß sie wie ein einziger Organismus reagieren. Individualisierte Gemeinschaft heißt: auf jeden kommt‘s an. Wenn einer was will, kann er das allen anderen mitteilen und gleichzeitig kann keiner allein irgendwo auch nur einen Tag überleben. Wir haben uns eingeredet, daß wir alleine leben könnten. Daraus ist eine sehr egozentrische Weltsicht geworden. Die Ergebnisse dieser bedauerlichen Entwicklung können wir heute ja überall auf der Welt besichtigen. So werden wir nicht mehr lange überleben können.

Frage: Was müßten wir gesellschaftsweit ändern, um eine neue Richtung einzuschlagen, Potentiale zu entfalten und von der Egozentrik wegzukommen? Welche Ansatzpunkte sehen sie?
Hüther: Wissenschaft kann niemals sagen, wie man es machen muß. Wissenschaft kann nur helfen zu begreifen, worauf es ankommt. Was die Hirnforschung in den letzten Jahren herausgearbeitet hat, ist, daß es vielleicht darauf ankäme, anders miteinander umzugehen, daß wir eine andere Beziehungskultur entwickeln und daß wir vor allen Dingen damit aufhören sollten, uns gegenseitig wie Ressourcen zu behandeln. Das ist es ja, was uns passiert ist, weil wir in der Vergangenheit im wesentlichen alles, was es draußen gab, als Ressourcen ausgenutzt haben. Das gilt nicht nur für die Bodenschätze, das gilt auch für Pflanzen und Tiere, die wir als Nahrungsmittel-Ressourcen züchten und verwerten, das gilt sogar für Menschen. Wir haben andere Menschen zu Ressourcen gemacht – schon lange. Die Sklaven waren Ressourcen, und manche Menschen machen heute ihre eigenen Kinder zu Objekten ihrer Erziehungsmethoden. Wenn man aber als Mensch erleben muß, daß man zu einem Objekt gemacht wird – man ist nur noch ein Arbeiter, der dazu beizutragen hat, daß der Gewinn im Unternehmen steigt, oder man ist nur noch ein Schüler, der seine Pflicht als Schüler zu tun hat –, dann ist man nicht mehr eine Persönlichkeit, sondern nur noch als Funktion in einem System abgestempelt. In diesem System kann sich aber kein Mensch halten, da kann keiner seine Potentiale entfalten, da bleibt ihm, wenn er überleben will, eigentlich nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Und indem ich mich anpasse, höre ich auch auf, etwas Eigenes zu wollen. Ich fange an zu denken wie alle anderen, eigne mir dasselbe Wissen an wie alle anderen und werde Teil dieses kollektiven Breis Angepaßter. Eine Gesellschaft versucht natürlich, ihre nachwachsende Generation immer wieder in diesen kollektiven Brei hineinzuziehen, weil dieser ja zumindest vertraut ist und auch ein bißchen Stabilität bietet und Gewohntes – Besitzstandwahrung heißt das Stichwort dazu. Also werden die Objekte, die Kinder und Jugendlichen, mit Hilfe von Belohnung und Bestrafung angepaßt, bis sie ihre eigenen Kinder auch wieder mit Belohnung und Bestrafung anpassen an das, was da gegeben ist. Das ist eine Ressourcenausnutzungsgesellschaft, die den anderen als Objekt behandelt. Und ich glaube, daß die Zeit gekommen ist, diese Art von Umgang miteinander zu beenden. Sie mußte ja auch kommen, weil wir alle wissen, daß wir die Ressourcen, die es auf der Welt gibt, nicht beliebig lang ausbeuten können. Irgendwann sind sie alle. Deshalb erleben wir jetzt einen neuen Übergang von der Kultur, die bisher alles beherrscht hat – der Kultur der Ressourcenausnutzung mit richtig schönen Hierarchien, die für das Funktionieren dieses Systems sorgen, zu einer Kultur, in der die Menschen anfangen, das zu machen, was das Schönste ist, was Menschen überhaupt machen können, nämlich sich gegenseitig helfen, um die in ihnen angelegten Potentiale zu entfalten.

Frage: Wie Sie es einmal in einem früheren Interview formuliert haben: „Zitronenbäume pflanzen statt Zitronen ausquetschen …“
Hüther: Wenn man ein Gleichnis für diese andere Kultur sucht, dann ist es schon sehr zutreffend, daß man sich als Bild beispielsweise eine Zitronenpresse aussucht, die in der Vergangenheit Zitronensaft hergestellt hat. Dabei wurde immer nur das Auspressen von Zitronen optimiert, alle Ressourcen wurden zusammengekauft und es wurde Saft produziert. Was jetzt anstünde, wäre eben, daß man merkt: so viele Zitronenbäume, um weiter Saft produzieren zu können, gibt es nicht mehr, jetzt wäre es an der Zeit, damit anzufangen, Zitronenbäumchen zu pflanzen, damit wieder Zitronen heranwachsen. Das ist Potentialentfaltung. Es ist eine andere Kultur, die sich nicht von oben nach unten entwickelt, die auch keiner anordnen kann. Damit andere Menschen ihre Potentiale entfalten können, kann man sie nur einladen, ermutigen, ihnen die Gelegenheit bieten, selbst die Erfahrung zu machen, was noch alles in ihnen drinsteckt. Das heißt, es wird eine sehr liebevolle Kultur, in der nicht mehr einer auf Kosten von anderen lebt und sich ständig irgendwie hervortun muß. Im Augenblick definieren sich schon Kinder dadurch, daß sie sagen: „Ich bin der, der das besser kann als die anderen.“ In Zukunft wird das anders gehen, in Zukunft wird man sagen: „Ich bin der, der mit diesen besonderen Begabungen, mit diesen besonderen Fähigkeiten, mit diesem besonderen Wissen, auf diese besondere Weise dazu beiträgt, daß das, was wir alle gemeinsam tun, nämlich diese Erde zu erhalten, auch wirklich gelingt.